Im aktuellen Kapitalmarktumfeld wagt sich kaum jemand offensiv nach vorne – Mountain Alliance schon. Auf der 39. Münchner Kapitalmarktkonferenz spricht Daniel Wild, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Beteiligungsgesellschaft, im exklusiven Follow-up-Interview mit Finanztrends über den Aufbruch in der Digitalwirtschaft, gezielte Zukäufe von Portfolien und Exits mit Hebelwirkung. Wild erklärt, warum die Beteiligung an sogenannten „Scale-Ups“ derzeit besonders attraktiv ist, wie sich Beteiligungen wie Lingoda oder Shirtinator entwickeln – und warum der Börsenkurs der Mountain-Alliance-Aktie aus seiner Sicht ein doppeltes Missverständnis widerspiegelt.
Finanztrends: Mountain Alliance hat sich ja auf die Fahnen geschrieben, als Beteiligungsgesellschaft vor allem in digitale Geschäftsmodelle zu investieren. Wie geht es in der Digitalwirtschaft in den derzeit doch sehr herausfordernden Zeiten?

Daniel Wild: Eine gute Einstiegsfrage. Der Digitalbranche geht es relativ gut, vor allen Dingen geht es uns als Mountain Alliance gut. Ganz grundsätzlich: Digitale Firmen, die stark wachsen, müssen immer von Investoren entweder finanziert werden oder werden, wenn sie profitabel sind und schön wachsen, gekauft. Und wenn diese Investoren gute Laune haben, weil es gerade viele Börsengänge gibt und sie auch über Exits wieder verkaufen können, dann ist die Laune besonders gut. Eigentlich müssten wir jetzt in den USA langsam ein sich öffnendes Börsenfenster sehen, was dazu führt, dass die großen, sehr wertvollen Firmen schnell verkauft werden und auch die kleineren wieder höher bewertet werden.
Von dem Hintergrund dessen, was Trump gerade macht, kann das noch ein bisschen dauern, aber wir sehen trotzdem die ersten Tech-Börsengänge in den USA. Bei uns gibt es ja gar keine, in den USA gibt es sie schon. Und wir sehen eindeutig, dass wieder mehr Geld in diese privaten Märkte einfließt. Vielleicht kurz zur Historie. 2020 und 2021 waren völlige Übertreibungen, bis 2022 hinein. Dann, mit dem Thema Krieg, Energiekrise etc., ging es in den USA, aber auch in Europa ganz stark runter. Jetzt aktuell ist bei vielen noch nicht absehbar, das es besser wird. Wir sehen aber in einigen Ecken schon, dass es besser wird, deutlich besser.
Deshalb ist die aktuelle Phase für uns eine Einkaufsphase. Und wir kaufen ein, indem wir Portfolien kaufen. Portfolien von digitalen Companies, wo ein Käufer eine gewisse Portfoliogröße von 6 bis 10 Companies hat und es verkauft. Wir kaufen ein mit Vendor-Loans, also Darlehen des Verkäufers oder aber auch mit unserer eigenen Aktie und da bewerten wir unsere eigene Aktie mit dem fairen Wert, nämlich dem Net Asset Value per Share von derzeit 6,67 Euro. Nicht mit dem Börsenkurs, der zurzeit auf einem rund 60% Discount zu diesem Wert quotiert. Das heißt, wir können zurzeit, weil die Verkäufer aktuell wenig Möglichkeiten haben, ansonsten Exits zu machen, sehr gut Assets einkaufen. Das steht dieses Jahr an.
Finanztrends: Gibt es thematisch besondere Schwerpunkte bei diesen Portfolien, die Sie sich anschauen und eventuell kaufen?
Daniel Wild: Grundsätzlich wollen wir digitale Wachstumsunternehmen. Unser Ziel sind, neudeutsch gesprochen, so genannte Scale-Ups. Wir investieren nicht in Startups, die noch nicht wissen, wie ihr Modell geht, sondern wir investieren typischerweise in Firmen, die fünf bis sechs Jahre alt sind, softwarebasierte digitale Geschäftsmodelle haben, am allerliebsten B2B SaaS, also Business-to-Business, Software-as-a-Service-Geschäftsmodelle.
Davon haben wir etliche im Portfolio. Da ist Customer Alliance, das ist MovingImage usw. Und in dem Bereich kaufen wir gerne weiter ein.
In so einem Portfolio sind manchmal auch andere Themen dabei. Zurzeit gibt es auch ein paar Sachen, wo sehr spannende Dual-Use- oder neudeutsch Defense-Tech-Themen drin sind. Das hätte mich früher nicht interessiert, heute ist es leider sehr spannend.
Finanztrends: Von den bestehenden Firmen, da gab es ja in den letzten Jahren doch immer mal wieder ein paar Highlights, zum Beispiel Lingoda. Wie ist denn da der Stand der Dinge?
Daniel Wild: Lingoda entwickelt sich super und wir erwarten nach wie vor, dass es da zum Verkauf kommt in den nächsten zwölf Monaten. Lingoda erfüllt die Rule of Forty. Vielleicht für die Leser, die es nicht kennen. Rule of Forty heißt, eine Firma muss in der Addition der Zahlen Wachstumsprozentsatz und Umsatzrendite auf 40 kommen. Zum Beispiel eine Firma, die um 30 % wächst Jahr zu Jahr und 10 % Umsatzrendite ausweist, erfüllt die Rule of Forty.
Und ab Erreichung der Rule of Forty bekommt man eine sehr gute Bewertung für sein Unternehmen. Lingoda, obwohl schon ziemlich groß, erfüllt diese Rule of Forty. Insofern gehen wir von einem sehr attraktiven Wert aus für diese Company in den nächsten zwölf Monaten.
Finanztrends: Sie sind bei den meisten Beteiligungen Minderheitsaktionär. Von der Strategie her, ist das eher eine Buy-and-hold-Strategie, wo Mountain Alliance dann einfach abwartet, dass die anderen Akteure irgendwann aktiv werden, oder gibt es Überlegungen auch bei dem einen oder anderen Unternehmen ganz ins Risiko zu gehen, also Mehrheitsaktionär zu werden.
Daniel Wild: Wir haben, im Gegensatz zu manchen anderen Beteiligungsgesellschaften, vor allem bei privaten Fonds, keine Probleme damit, Mehrheitsgesellschafter zu sein. Aktuell haben wir drei Firmen im Portfolio, wo wir Mehrheitsgesellschafter sind. Wenn man die Mehrheit hat an der Firma, ist man im Endeffekt der Unternehmer. Das bedeutet, wir tragen die Verantwortung.
Zum Beispiel Shirtinator. Das ist unsere T-Shirt Mass Customization Company. Das bedeutet, Shirtinator verkauft T-Shirts, wo sich der Endkunde sein T-Shirt designt für einen Junggesellenabschied, Firmenfeier oder ähnliches und das wird über unsere Software sehr leicht designt und an ihn geschickt innerhalb von 24 bis 48 Stunden. Für uns kommt es darauf an, was es für eine Firma ist und wie schnell, zu einem bestimmten Zeitpunkt, wir dafür Käufer finden. So jemand wie Shirtinator zum Beispiel, die ist profitabel. Da ist jetzt ein starkes Management drin. Weil wir die Mehrheit halten von 67 %, haben wir vor vier Jahren gesagt, okay, Krise, Corona etc., wir brauchen jetzt ein starkes Management.
Die haben einen sehr guten Job gemacht. Die haben die Company jetzt wieder sehr deutlich profitabler gemacht. Die Zahlen sind noch nicht endgültig da, aber für letztes Jahr Größenordnung 9 Mio. Euro Umsatz, 200.000 Euro Gewinn.
In diesem Jahr rechnen wir eher mit einem Gewinn von einer halben Mio. Euro und dann ist so eine Firma mindestens bewertet mit einmal Umsatz, oft auch 1,5-mal Umsatz, das etwas mehr ist als normaler E-Commerce. Diese Multiples sind woanders ganz anders. Aber die Verantwortung, dass das richtige Management die richtigen Dinge tut, und ich sitze mit im Aufsichtsrat von Shirtinator, diese Verantwortung nehmen wir wahr bei einer Mehrheits-Beteiligung.
Bei einer Minderheits-Company sitzen wir vielleicht auch im Aufsichtsrat, aber haben dann nicht die größte Entscheidungsmacht oder sitzen im Beirat. Aber wir sind schon bei allen Companies nah dran und liefern ab und zu auch einen Beitrag zur Entwicklung, auch operativ durch bestimmte Themen.

Finanztrends: Wie planbar sind in diesem Geschäftsmodell für Mountain Alliance selbst Umsätze und Gewinne?
Daniel Wild: Also auf Holding-Ebene konsolidieren wir ja nicht. Insofern ist für uns das Portfolio interessiert, das Wachstum der Portfolio-Werte. Wir haben für jede einzelne Beteiligung einen Net Asset Value, also was unser Anteil wert ist und die Addition dessen führt aktuell zu 46 Mio. Euro Net Asset Value, den wir insgesamt erhalten.
Wir helfen mit, dass diese Unternehmen sich gut entwickeln, aber wir konsolidieren diese Umsätze nicht. Wann wir diese Firmen verkaufen oder wann sie von dem richtigen Käufer adressiert werden, wann es die spannenden Angebote gibt, wissen wir vorher nicht. Wir können ein bisschen beitragen, aber was am allerbesten funktioniert, ist wie bei vielen Dingen die Statistik.
Wir wissen sehr genau, dass Scale-Ups, wenn sie 8 bis 10 Jahre alt sind, typischerweise verkauft werden. Und das ist auch der Grund, warum wir in den letzten 5 Jahren jedes Jahr einen Durchschnitt zwei Exits geliefert haben. Weil wir ein reifes Portfolio haben.
Wir kaufen diese Portfolien zu, wenn sie 5 bis 6 Jahre alt sind und wissen, in den nächsten 4 bis 5 Jahren werden diese, statistisch gesehen, wieder verkauft. Natürlich gibt es Ausreißer, manche Firmen gehören uns seit 15 Jahren. Die Normalität ist eine andere. Zum Beispiel Tillhub, dort sind wir 2017eingestiegen, 2022 wurde verkauft. Bei Exasol sind wir 2018 eingestiegen, 2020 ging es an die Börse. Wir wissen statistisch, bei der Art von spannenden Software-Companies, die mindestens 5 Jahre alt sind, die wir einkaufen, dass die Verkäufe in einem bestimmten Zeitraum kommen. Und die sind auch gekommen.
Finanztrends: Sie hatten schon gesagt, 2 Exits, ist das so die Größenordnung, die sie regelmäßig pro Jahr anpeilen?
Daniel Wild: Ganz genau. 2 Exits pro Jahr und damit auch immer genug da ist, kaufen wir halt auch alle paar Jahre, vor allem dann, wenn die Bewertungen niedrig sind, wie zurzeit, kaufen wir wieder Portfolien zu. Ziel für dieses Jahr sind wieder 2 Exits, wobei einer eben mit Lingoda, wie schon angekündigt, erhofft ein sehr, sehr großer wird und dann haben wir eine wunderbare Grundlage, um auch deutlich mehr wieder zu investieren und auch auszuschütten.
Mountain Alliance Aktie Chart
Finantrends: Sie haben schon die Diskrepanz zwischen Net Asset Value und Börsenkurs erwähnt. Das ist bei Mountain Alliance leider ein chronischer Zustand. Woran hapert es da?
Daniel Wild: Also in der Vergangenheit dachte ich, es hapert daran, dass die Aktionäre uns nicht zutrauen, jedes Jahr die 2 Exits zu liefern. Das sieht der Markt inzwischen. Die Exits kommen jedes Jahr. Ich glaube, was jetzt fehlt, ist das Verständnis für Venture Capital, nämlich, dass der eine Exit auch mal 40-mal Einsatz bringen kann, wie z.B. Lingoda oder auch andere Dinge. Aber auch Exasol war ein sehr starker Exit oder auch Alphapet war ein starker Exit.
Die Hauptherausforderung für uns ist, wir brauchen mehr Sichtbarkeit. Wir sind ein mit knapp 20 Mio. Euro bewerteter Small Cap, besser Micro Cap und haben eine gewisse Menge Aktionäre, die bei uns sehr engagiert sind und auch zukaufen, weil sie unser Modell verstanden haben. Wir brauchen mehr Menschen, die verstehen, dass wir ein super spannender Weg sind, um sich an einem diversifizierten Portfolio von spannenden Wachstumsfirmen zu beteiligen, ohne dass man 10 Jahre warten muss, wie bei einem Venture Capital Fonds und ohne, dass einem graue Haare wachsen, wie als Business Angel, sondern man kann bei uns einsteigen, aktuell mit 60% Discount auf den Wert, den die Firmen heute schon haben und ich gehe davon aus, dass wir auf einen Wert verkaufen, der oberhalb dessen sitzt, wo die Firmen heute stehen. Insofern sage ich immer, eigentlich gibt es einen doppelten Discount.
Finanztrends: Herr Wild, vielen Dank für das Gespräch.